Als am 1. November 2011 der Lindenauer Bürgerverein, die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz und der Leipziger Kabarettist Meigl Hoffmann erstmals in der Presse vor dem geplanten Abriss des Gebäudes Jahnallee 61 warnten, in dem am 18. April 1945 Robert Capas Bild „last man to die – Der letzte Tote des Krieges“ entstand, war der Grundstein für eine bemerkenswerte Bürgerinitiative gelegt. Neben dem Erhalt des Hauses stand anfangs auch die Frage nach der Identität des Toten, des genauen Ortes und der Umstände der Entstehung des Bildes im Fokus der Aufmerksamkeit.

Bürgerinitiative
Mitglieder der Bürgerinitiative 2013

Bereits im Jahr 2010 hatte der Leipziger Historiker und Angehörige des Lindenauer Bürgervereins Dr. Volker Külow anlässlich einer Ausstellung zum 65. Jahrestages des Kriegsendes das Bild gezeigt. Seine Bemühungen, etwas über den Toten zu erfahren, blieben jedoch erfolglos. Im Frühjahr 2011 rückte das Bild dann ein weiteres Mal als Teil der Fotoschau „Leipzig. Fotografie seit 1839“ in das Zentrum des Interesses. Aber erst ein Zeitungsartikel von Jens Rometsch von der Leipziger Volkszeitung zu den Bemühungen um die Rettung des Hauses brachte dann Anfang November 2011 endlich einen ersten Erfolg bei der Klärung der Fragen zu dem Bild. Ein gebürtiger Leipziger meldete sich bei der Redaktion der Zeitung und identifizierte die Wohnung im 2. Stock des Hauses Jahnstraße 61 (ehemals Frankfurter Straße 39) als elterliche Wohnung. Robert Petzold befand sich als Kind zum Zeitpunkt der Aufnahme im Haus. In der Zwischenzeit gelang es auch dem Mitarbeiter des Städtischen Museums, Christoph Kaufmann, die Petzold’sche Wohnung als Ort der Entstehung des Bildes zu lokalisieren. Dann ging es Schlag auf Schlag. Eine Sonntagsmatinee im Revue-Theater „Am Palmengarten“ am 27. November 2011 unter Beteiligung von Meigl Hoffmann, Christoph Kaufmann und Dr. Külow fand ein großes Medieninteresse. Der darauf folgende Artikel des Leipziger Journalisten Jens Rometsch machte die Initiative dann endgültig bekannt. Die Geschichte nimmt Fahrt auf.

Robert Petzold
Robert Petzold

Nach einem Hinweis von Kaufmann wendet sich am 29. November 2011 Dr. Külow an den Militärhistoriker und Buchautor Jürgen Möller und bittet um Unterstützung bei der Suche nach der Identität des Toten und den Hintergründen der Entstehung des Bildes. Dessen Interesse war bereits durch den Hinweis des ehemaligen Journalisten Andreas Tümmler, der Möller bei seinen Recherchen zum Buch „Kriegsschauplatz Leipziger Südraum“ unterstützt hatte, geweckt. Damit beginnt eine intensive Phase der Recherchen, die sich auf die U.S.A. ausdehnen und letztendlich aus der regionalen Bürgerinitiative eine deutsch-amerikanische Initiative machen.

Am 1. Dezember 2011 erfährt das Mitglied der Bürgerinitiative, Prof. Dr. Ulf-Dietrich Braumann von der Universität Leipzig, von dem, von ihm ausfindig gemachten, Ingenieur Brent McClearen aus Cookeville, Tennesee, U.S.A. den Namen eines Zeitzeugen. Es handelt sich um den Veteranen Lehman Riggs, der der 3. Mann am Maschinengewehr des Gefallenen aus Leipzig war. Riggs war 2010 im dortigen Regionalfernsehen aufgetreten und hatte über seine Erlebnisse in Leipzig berichtet. So kommt es am 11. Dezember 2011 zum Treffen eines Kollegen von McClearen, Jon Overholt, mit Riggs. Von ihm erfährt er den vermeintlichen Namen des Toten – Robert Bowman.

Doch es gibt Unklarheiten. Möller, der in der Zwischenzeit mit den Recherchen im Internet und in den amerikanischen Militärunterlagen begonnen hat, kann keinen Robert Bowman finden. Am Heiligabend 2011 stößt Möller dann auf einer amerikanischen Webseite auf einen kleinen Bericht, der von dem Tod eines Raymond J. Bowman am 18. April 1945 in Leipzig berichtet. Mit diesem Namen gelingt es ihm, in kurzer Zeit die Unterlagen des Gefallenen, den Ort seiner Bestattung und Hinweise auf die noch lebende Nichte Joan Frost zu finden. Das, was Bowman‘s Familie bereits seit 1945 weiß, erfährt jetzt auch die ganze Welt. Das Rätsel ist gelöst, der Tote auf dem Capa-Foto hat einen Namen und ein Gesicht.

Aber damit ist das Gebäude noch nicht gerettet. Fast beendet ein Brand im angrenzenden Gebäude der Luppenstraße 28 in der Silvesternacht 2011/12 die Bemühungen um den Erhalt. Doch er hat auch einen positiven Effekt. Der Kampf um den Erhalt des Gebäudes tritt weiter ins Schlaglicht der Medien. Aus dem regionalen wird ein überregionales Interesse. Eine deutsch-amerikanische Petition der Bürgerinitiative an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig fordert am 3. Januar 2012 „dieses wichtige Gebäude im Interesse zukünftiger Generationen als Mahnmal gegen den Krieg zu retten.“ Jetzt wird das Thema von den großen Zeitungen aufgegriffen. Die Süddeutschen Zeitung, die Frankfurter Allgemeine, der Berliner Zeitung, die Bild-Zeitung, Die Welt und Die Zeit berichten. Auch das Fernsehen nimmt sich des Themas an. ARD und MDR berichten. Am 1. Februar 2012 ist es dann so weit, dass die Stadt Leipzig offen bekundet, das Gebäude vor dem Einsturz retten zu wollen. Der Baubürgermeister von Leipzig erklärt das Haus zur Chefsache.

Aber das Haus droht einzustürzen. Abriss oder Renovierung ist die Frage, die sich allen Beteiligten stellt. Immer mehr Interessierte schließen sich der Initiative an und leisten ihren Beitrag, um weiter Druck aufzubauen für den Erhalt des Hauses als Teil der Stadtgeschichte und als Symbol für Frieden: Der Foto-Künstler Thomas Pantke, Casus Campari, der die Online-Dokumentation anstieß und die Filmemacherin Alina Cyranek, die gemeinsam mit Jan Frederik Vogt den Film „Fading“ über die Ereignisse am 18. April 1945 im Capa-Haus dreht.

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Jan Frederk Vogt und Alina Cyranek beim Dreh von „Fading“ im Capa-Haus

Den nächsten Höhepunkt erlebt die Initiative mit dem Besuch von Lehman Riggs in Leipzig im April 2012 auf Einladung des MDR. Er wird vom Leipziger Oberbürgermeister und dem amerikanischen Generalkonsul in Leipzig empfangen. Im Interview mit Rometsch sagt er: „Es ist wichtig, den heute jungen Menschen von den Schrecken des Krieges zu erzählen. Wie wertvoll es ist, im Frieden zu leben. Deshalb habe ich die Einladung nach Leipzig gern angenommen. Deshalb sollte dieses Haus erhalten bleiben.“ Riggs Besuch und seine Geschichte, und somit die Geschichte des Capa-Hauses, sind dann am 8. Mai 2012 Inhalt der Dokumentation des MDR „Hitlers letzte Opfer“ von Karoline Kleinert. Niemand kann jetzt mehr an dem Thema vorbei, ohne in den Fokus des öffentlichen Interesses zu kommen.

Noch vielen bangen Momenten und dem mehrfach erfolgten Wechsel der Hauseigentümer ist es nach zwei Jahren Kampf im Frühjahr 2014 endlich soweit, dass Baumaßnahmen am Haus begonnen wurden. Das Haus, das inzwischen als Capa-Haus bekannt geworden ist, soll erhalten bleiben. Doch erst, wenn eines Tages wieder Leben in das Haus zurückkehrt und eine Stele oder Tafel an die Bedeutung des Hauses als Mahnmal für den Frieden erinnert, haben sich alle Anstrengungen gelohnt.

Diejenigen, die momentan meinen, dass diese Bemühungen übertrieben sind und es schon genug Denkmäler gibt, denen wird hoffentlich eines Tages bewusst werden, wie wichtig der Erhalt eines jeden noch existierenden Ortes unserer Geschichte ist. Sie sollen uns immer daran erinnern, das an vielen dieser Orte dafür gestorben und gelitten wurde, damit wir heute im Frieden und Freiheit leben können.

Lehman Riggs
Lehman Riggs am 17. April 2016

 

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